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teleschau:
Wie haben Sie sich über die deutsche Szene informiert? Wie hat die
Auswahl der Songs getroffen?
Steven Kolacny: Wir baten deutsche Freunde um Listen mit
Liedern. Für uns wäre das ansonsten sehr schwer gewesen. In unserer
Plattensammlung finden wir nur "99 Luftballons". Außerdem kennen wir
Rammstein und Kraftwerk - aber von Kraftwerk auch wieder nur die
englischen Versionen. Wir benötigten da wirklich Hilfe, und wir
bekamen viele E-Mails mit langen Vorschlagslisten. Es gibt mehr
deutsche Bands als belgische Städte, glaube ich. Wir entdeckten
dabei sehr viel neue Musik, und auf einigen Listen gab es immer
wieder dieselben Songs. "Hungriges Herz" zum Beispiel von Mia - das
war auf beinahe jeder Liste vertreten. Es war also klar, dass wir
diesen Song machen würden. Anfangs hatten wir 30 Lieder, die
reduzierten wir auf 20, wir probten, reduzierten noch einmal auf 15.
Und nun sind zwölf Lieder übrig geblieben.
teleschau: Was hat Sie an der deutschen Popmusik am
meisten überrascht?
Steven Kolacny: Zunächst einmal fand ich es schwer, einen
Überblick über diese ganzen deutschen Bands zu erhalten. Es gibt ja
nicht eine deutsche Szene, es gibt sehr viele verschiedene Stile.
HipHop zum Beispiel ist sehr populär in Deutschland, aber es gibt
nicht nur eine HipHop-Szene, das ist wirklich komplex. Dann gibt es
Bands, die haben eine unglaubliche Geschichte wie Die Ärzte oder Die
Toten Hosen. Das sind Bands, die in großen Stadien spielen. Sie
verkaufen unglaublich viele Platten und Konzerttickets, da merkt man
- deutsche Popmusik hat eine lange Tradition in diesem Land. Dann
gibt es Lieder wie Grönemeyers "Mensch". Was haben wir da? Fast
schon eine zweite Nationalhymne! Jeder kennt das. Hat er nicht sechs
Millionen CDs verkauft? Wie ist das möglich?
teleschau: Anfangs suchten Sie die deutschen Lieder
aus, die Ihnen am besten gefielen. Auf dem Album sind nun aber die
Songs gelandet, die - so sagen Sie es - am besten mit einem Chor
funktionieren. Erklären Sie den Unterschied.
Stijn Kolacny: Ich kann die Mädchen nicht die Songs singen
lassen, die sie besonders gut finden - wenn diese Lieder im Chor
nicht wirklich gut klingen. Die Qualität der Chorversion ist das
Entscheidende. Ich sage nicht, dass unsere Versionen immer gut sind,
aber das ist zumindest das Ziel unserer Arbeit.
teleschau: Welche Art Lieder funktionieren am besten
mit Ihrem Mädchenchor?
Stijn Kolacny: Das Lied muss eine schöne Melodie haben, ein
HipHop-Stück würde da beispielsweise eher nicht gehen. Steven muss
das Stück auf dem Klavier begleiten können, denn ansonsten haben wir
keine Instrumente zur Verfügung. Die Mädchen müssen die Texte
kennen. Sie müssen verstehen, was sie da singen. Wenn man die Worte
nicht versteht, die man da singt, führt das zu keinem guten
Ergebnis. Also: Text, Melodie und die Spielbarkeit des Liedes auf
dem Klavier - das sind die Voraussetzungen.
teleschau: Steven, Sie arrangieren die Stücke. Welche
Tricks wenden Sie an, damit die Popsongs im Chor gut funktionieren?
Steven Kolacny: Am meisten inspirieren mich akustische
Versionen von den Original-Interpreten. Wenn man die Kompositionen
nur in Begleitung von Gitarre oder Klavier hört, befreit von dem
ganzen Bandballast, hört man da bereits sehr interessante Versionen.
Du musst die Essenz, die Bedeutung des Songs verstehen und das dann
auf die Scala-Mädchen übertragen. Scala besitzt einen eigenen Sound.
Den kann man benutzen, um eine neue Version des Liedes herzustellen.
Die sentimentalen, emotionalen Momente in den Songs, kann man mit
dem Chor erhöhen und stärker ausbreiten. Oder man kann sich Details
aus einem Song herausgreifen, einzelne Worte oder Textzeilen.
Manchmal höre ich ganz weit hinten auf dem Original ein paar Backing
Vocals, die ich mit den Chorstimmen ganz weit nach vorne hole. Das
Summen am Beginn des Liedes "Du trägst keine Liebe in dir" von Echt
zum Beispiel. Der Sound muss klar sein, die Version muss eine klare
Botschaft übermitteln. Man darf nicht den Eindruck haben: Ach, die
spielen da jetzt eine billige Coverversion.
teleschau: Sie sagen, Scala hat einen ganzen eigenen
Klang. Können Sie diesen Klang beschreiben?
Steven Kolacny: Wenn man sie im Chor aufbauen kann wie bei
den Rammstein-Liedern "Engel" und "Mutter", dann klingt das wie eine
Sinfonie aus Stimmen. Eine Klanglandschaft aus Stimmen. Das ist
etwas Besonderes, das man vorher so nicht gehört hat. Nach solchen
Momenten suche ich. Leider klappt das nicht immer.
teleschau: Wie bewirbt man sich bei Scala?
Steven Kolacny: Es reicht, wenn uns die Mädchen eine E-Mail
schicken. Dann lädt sie Stijn ein und sagt ihnen, dass sie keinen
Freund haben dürfen und es geht los (lacht). Nein, im Ernst: Eine
E-Mail ist absolut ausreichend. Wir haben noch andere Chöre mit
wirklich jungen Mädchen. Teenager und Kinder. Stijn arbeitet mit
ihnen. Er erzieht sie zum Scala-Dasein, sodass sie ein paar Jahre
später im richtigen Scala Chor einsteigen können.
teleschau: Sie führen allerdings doch einen
Eignungstest durch?
Steven Kolacny: Die Mädchen sollten ein bisschen Erfahrung
mitbringen. Sie müssen Noten lesen können und eine schöne Stimme
haben. In einem anderen Chor sollten sie ebenfalls schon mal
gesungen haben, sonst schaffen sie es nicht, dem Tempo der Proben zu
folgen. Außerdem muss der Charakter stimmen. Man muss ein Teamplayer
sein, um bei Scala mitmachen zu können. Außerdem müssen die Mädchen
erst mal den Mut haben, sich zu bewerben. Da gibt es gar nicht so
viele.
teleschau: Wie viel Prozent der Bewerberinnen kommen
durch?
Steven Kolacny: Etwa 50 Prozent. Das Schlimmste ist, wenn du
ein Mädchen wieder nach Hause schicken musst.
teleschau: Wie läuft das mit dem "Nachwuchskader"?
Stijn Kolacny: Wir haben zwei Trainingsgruppen. Eine mit
Mädchen zwischen fünf und acht Jahren. Und eine andere mit Mädchen
zwischen neun und zwölf. Das Ziel ist, dass man mit etwa 13 Jahren
bereit ist, im Konzertchor mitzusingen. Trotzdem ist es besonders
schwer, mit diesen Mädchen zu arbeiten. Wenn sie 13, 14, 15 Jahre
alt sind, dann ist das ein schwieriges Alter. Die Mädchen müssen
einerseits noch ziemlich viel lernen, anderseits haben sie keinen
Bock dazu. Man muss manchmal etwas lauter werden, damit ein
Crescendo auch ein Crescendo wird. Mit 16, 17 Jahren haben die
Mädchen, die schon länger mit uns arbeiten, eine gute Singstimme.
teleschau: Wie ist die Alterstruktur im "A-Team"?
Stijn Kolacny: Die Jüngste ist 13, die Älteste 28. Aber
normalerweise ist mit etwa 25 Jahren Schluss. Die Mädchen heiraten,
bekommen Kinder, dann ist es wirklich vorbei. Ich sage niemanden,
dass er aufhören soll. Aber sie merken es selbst, wenn es nicht mehr
geht.
teleschau: Was macht den Erfolg von Scala aus? Warum
sind die Menschen von diesem Chor fasziniert?
Stijn Kolacny: Scala ist ein sehr emotionaler Chor. Außerdem
ist die Idee, dass ein klassischer Mädchenchor Rockrepertoire singt,
ziemlich einmalig. Dennoch ist Erfolg natürlich immer etwas
Relatives, er kann schnell vergehen. Vielleicht interessiert sich
nächstes Jahr niemand mehr für Scala. Für mich ist es nicht normal,
dass wir derzeit so gefragt sind. Und so sollten wir das alle sehen.
Text:
©
teleschau -
der mediendienst - Eric Leimann |