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28.01.2005
Südthüringer Zeitung
Dürfen die
das?
Der Mädchenchor Scala macht aus Dunkel Hell, singt Lieder
von Police, Rammstein und den Ärzten
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Der Sänger Lou Reed – geliebt
für seine schwer-mütigen Lieder, für diese kratzike Lyrik,
in der belesene ältere Herrschaften die opiumschwere
Wortperformance des Dichters William Borroughs wieder
finden. Nichts für zarte Seelen.
Die Police-Männer – aufgetaucht
irgendwo aus den Tiefen des Punk, ungeschliffene Stars,
perfekt un-gehobelte Songs in einer Lautstärke weit jenseits
der Schmerzgrenze.
Serge Gainsbourg – Grandseigneur
des gesell-schaftlichen Skandals. Nicht nur den ganz Prüden,
jedem die französische Sprache verstehenden Menschen,
können Text und Fasson seiner Darbietungen die Schamröte ins
Gesicht treiben. |
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Und die Herren Ärzte – auch nicht grade
für die Tafelmusik im Mädcheninternat zuständig oder die
Idealbesetzung für Mondschein-Serenaden.
Und dann stellt sich ein Mädchenchor hin
und singt deren Lieder. Genau: Junge Mädchen mit hellen Stimmen
singen die schmutzigen Lieder alter Männer. Diese ordentlich
angezogenen bel-gischen Elfen? Deren Anblick alleine jeden Gedanken
an jedwede Schlechtigkeit ausschließt? Sie tun es und sie haben
großen erfolg damit – die „Scala“-Sängerinnen sorgten in den
vergangenen Monaten für ausverkaufte Hallen in Europa, zuletzt, im
Dezember, auch in Deutschland. „Engel“, einst ein Rammstein-Stück,
kennen viele nur in der „Scala“-Version.
Aber dürfen die das? Aus Dunkel Hell
machen? Die düsteren Nebel so präsentieren, als hätten diese einen
Vollwaschgang mit Weißmacher hinter sich?
1996 haben die Brüder Steven und Stijn
Kolacny in der belgischen Kleinstadt Aarschot den Chor gegründet. In
klassischer Besetzung, ungefähr 50 Mädchen und junge Frauen,
zwischen 14 und 28. Das Weihnachtsliedersingen ist ihnen wohl bald
zu öde geworden. Also haben sie sich an Rocksongs versucht. Sind
1999 in Belgien „Chor des Jahres“ geworden und haben in den
Folgejahren den ein oder anderen internationalen Preis mit nach
Hause genommen.
Dirigiert, geleitet und begleitet werden
die Scala-Damen von Steven und Stijn Kolacny, den „Kolacny-Brothers“.
Die nicht nur eine gute Idee hatten, sondern auch gute
Klavierspieler sind. Als ausgebildete Konzertpianisten beherrschen
sie ihr Handwerk. Was man auch in der Chor-begleitung hört. Und
wofür es an vielen Stellen – vor allem auf der CD „Scala on the
rocks“ – nicht nötig gewesen wäre, ganz so dramatisch in die Tasten
zu hauen.
Unsterblich gemacht
Was also tut man als Liebhaber whiskey-
oder sonst wie getränkter Düsternis? Sich mit Grauen wenden?
Angewidert darauf verwiesen, dass die das echt nicht dürfen dürften?
Bleibt einem ja unbenommen. Aber man kann’s auch anders sehen. Und
hören. Mozart hat seine Menuette auch nicht für Kirchenorgel
geschrieben – aber wer das mal erlebt hat, weiß, was möglich ist,
wenn man sich traut. Und außerdem: Es wird schließlich nur
interpretiert, was wirklich gut ist. Schreiber oder Komponisten
dürfen sich damit trösten, dass ihre werke auf dem Weg in die
Unsterblichkeit sind. Wie vielleicht Dave Grohl, Schlagzeuger und
Sänger von Nirvana, das tut. Der sich die mädchenhafte Version von „Smells
Like Teen Spirit“ angeblich immer und immer wieder anhört.
„Ob es Brahms oder Garbage ist, am Ende
ist alles Musik“, hat Stijn Kolacny mal gesagt. Am Ende wird er
Recht haben. Größtenteils. Und die dürfen das machen. Aber nicht mit
Lou Reed. Das. Geht. Zu. Weit.(m)
Text:
Südthüringer Zeitung 28.01.2005, "Quergestreift" Seite14 (mit
freundlicher Genehmigung von Frau Wagner, Frau Steffi Wolf)

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