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19.08.2004

Radio EINS, CD der Woche vom 16.08.-22.08.2004
"Dream On"
Stijn, Steven und Natacha – meine Interviewpartner - sind nur drei
von 40-60 Leuten, die gerade dabei sind, sich auch in Deutschland
eine solide Fanbasis zu erspielen bzw. zu erSINGEN. Die beiden
Brüder Stijn und Steven Kolacny sind die einzigen Männer und nennen
sich Kolacny Brothers. Früher spielten sie zusammen Klavier, jetzt
tut das nur noch Steven, sein Bruder Stijn dirigiert den Chor – den
belgischen Mädchenchor SCALA. Aber dieser Chor ist etwas besonderes:
SCALA singt Rocksongs: zum Beispiel von Nirvana, Depeche Mode,
Radiohead, Rammstein und Lou Reed.
„ Wir hatten eine fixe Idee. Eigentlich sind wir ein klassisches
Klavierduo. Aber wir wolltem mal etwas anderes machen als nur
Klavier spielen. Und so haben wir SCALA gegründet. Es war der 2.
April 1996. Wir haben öfter schon mit Jugendchören gearbeitet. Das
ist auch eine Herausforderung für den Pianisten.“
„SCALA ist unser musikalischer Sauerstoff (sagt man das so?). Wir
brauchen das – die Atmosphäre von der Jugend, wir selbst sind ja
nicht mehr so jung.“
Steven, der Pianist, ist 35, sein Bruder Stijn, der Dirigent, 28
Jahre alt. Die jüngsten Mädchen des Chores sind 14 oder 15, aber es
gibt keine Altersbegrenzung nach oben. Jeder darf also so lange
dabei bleiben wie er möchte, aber es gibt natürliche Grenzen: zum
Beispiel wenn man heiratet oder Kinder kriegt. Dann fehlt die Zeit.
Das älteste Chormitglied ist 28.
SCALA und die Kolacny Brothers sind in der belgischen Kleinstadt
Aarschot zuhause, aber schon weit in der Welt herumgekommen. Sie
kassierten zahlreiche Preise auf internationalen Musikfestivals in
Frankreich, Japan, Österreich, Kanada und Ungarn. Bislang
veröffentlichten sie zwei CDs: eine mit Weihnachtsliedern und „Scala
On The Rocks“. Heute erscheint in Deutschland ihr drittes Album:
Dream On.
Die CDs haben sich vor allem in Belgien und Frankreich so gut
verkauft, dass locker die vorderen Plätze der Albumcharts erobert
werden konnten. Ein Erfolg, der den Kolacny-Brüdern genauso wichtig
ist wie die Festivalpreise.
Preise sind eine feine Sache, aber sie allein genügen nicht. Genauso
wenig wie allein der kommerzielle Erfolg den Chor und die Kolacny-Brüder
befriedigen würde.
„Beide sind wirklich wichtig. Früher hatten wir keinen Erfolg in den
Charts. Nur künstlerische Erfolg sind zu wenig. Es gibt jetzt eben
die Leute, die die CDs kaufen, und die kommen dann auch in die
Konzerte. Und das ist für SCALA sehr wichtig. Das sind nämlich
Enthusiasten.“
Es ist also auch bei SCALA und den Kolacny Brothers das gleiche alte
Lied: es sind die Enthusiasten, die die Musik am Leben halten. Egal
ob sie CDs kaufen, oder ob sie CDs machen...
* * * * *
Ein belgischer Mädchenchor singt Rocksongs, begleitet am Klavier von
Steven Kolacny und dirigiert von Stijn Kolacny. Die beiden Kolacny-Brüder
dachten sich bereits vor drei Jahren, dass es doch wenig Sinn macht,
zwischen ernster und unterhaltender Chormusik zu unterscheiden. Ein
guter Song ist ein guter Song. Es gäbe keinen großen Unterschied
zwischen einem Lied von Franz Schubert und einem U2-Song, wenn man
den auf einem Klavier spielt, meint Steven Kolacny.
Schon beim Einspielen ihres ersten Albums tanzten SCALA und die
Kolacny Brothers zumindest ein wenig aus der Reihe. Eine CD mit
Weihnachtsliedern, die im Jahre 2000 erschien, verzichtete auf das,
was der Belgier im allgemeinen Weihnachten hört.
Steven Kolacny hat seit Jahren gute Connections zu bekannten
belgischen Rockbands. Gern engagierten sie ihn als Gastpianisten.
Und dann hatte die Band Hooverphonic eine ganz besondere Idee. Sie
fragten bei den Kolacnys an, ob ihr Chor nicht Lust hätte, gemeinsam
mit Hooverphonic auf der Hauptbühne des größten belgischen
Rockfestivals „Rock Werchter“ aufzutreten.
Da sangen SCALA vor 50.000 Leuten, aus dem Schock wurde schnell
Begeisterung. Die Idee ließ sich ausbauen. Bei Rock Werchter sangen
Scala in Begleitung einer Rockband, aber was sprach dagegen,
Arrangements für Chor und Klavier zu schreiben? In dieser
Konstellation probierten SCALA und die Kolacny Brothers neue Songs
aus und nahmen die CD „Scala on the Rocks“ auf. Ein gigantischer
Verkaufserfolg in Belgien und Frankreich. Songs von Garbage, Puddle
Of Mudd, Muse, David Bowie und Kylie Minogue. Songs, die die
Chormädchen liebten, auch wenn Steven sie ausgesucht hat. Jedes Jahr
kommen neue Songs dazu, und es war klar, dass dieses Album einen
Nachfolger haben musste: Dream On.
Wer den SCALA Chor auf Reisen und auf der Bühne erlebt, spürt sofort,
dass die Chemie in dieser 40-60köpfigen Truppe stimmt. Die Kolacnys
gehen respektvoll mit den Mädchen um, und die wissen über ihre
Chorleiter auch nur gutes zu berichten...
Steven und Stijn Kolacny, 28 und 35 Jahre alt, werden von den
Mädchen ernst genommen. Sie schätzen einerseits ihr Charisma und
ihre Forderungen nach Disziplin, aber sind genauso entzückt, wenn
man mit ihnen als Kumpels in der freien Zeit zwischen zwei
Auftritten mal ordentlich durchdrehen kann. Nur so konnten SCALA und
die Kolacny Brothers diese absolut überzeugenden Produktionen
zustande bringen, die mitunter anrührender sind als das Original.
* * * * *
14+5 magische Coverversionen, fast beklemmend, geheimnisvoll oder
traurig. Interpretationen, die ans Herz gehen...
Steven Kolacny, der die Songs auswählt und arrangiert, hat
festgestellt, dass die Traurigkeit mancher Lieder einfach ganz tief
im Original drinsteckt – wie etwa im Text des Radioheadsongs
„Creep“.
Wenn von einem Song erst mal nur der Text übrigbleibt und eine
einfühlsame Klavierbegleitung, dann wird sowohl der Sänger als auch
der Hörer in die Lage versetzt, ein Lied tiefer zu empfinden. Das
kann natürlich auch in Freude münden, aber Melancholie ist eben
häufig mit im Spiel.
Der Beliebtheit des belgischen Chores tut diese Melancholie
keinerlei Abbruch. SCALA und die Kolacny Brothers landeten in ihrer
Heimat in den Charts, aber auch der Nachbar Frankreich hat SCALA
längst für sich entdeckt. Bereits beim ersten Konzert standen die
Leute Schlange und verursachten einen Stau. Die Kolacnys konnten es
kaum glauben und sind froh, dass sie eine Kamera dabei hatten...
Wir wissen noch nicht, ob es einen Stau um die Kulturbrauerei herum
geben wird, wenn Scala am 4. September zur 7-Jahre-Radio-Eins-Party
auftreten. Prominente Fans hat der Chor schon längst, und zu denen
gehören die Musiker, deren Songs gecovert werden. Dave Grohl
(Nirvana / Foo Fighters). Der wurde nicht müde, sich 30 Minuten lang
immer wieder die SCALA-Version von „Smells Like Teen Spirit“
anzuhören.
* * * * *
http://www.radioeins.de/_/musik/cd_jsp/key=cd_126742.html

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